"Hier spricht John Galt! 

Seit zwölf Jahren stellt ihr euch die Frage: Wer ist John Galt? Hier spricht John Galt. Ich bin der Mann, der sein Leben liebt. Ich bin der Mann, der weder seine Liebe noch seine Werte opfert. Ich bin der Mann, der euch die Opfer weggenommen und damit eure Welt zerstört hat. Und wenn ihr wissen wollt, warum ihr zugrunde geht – ihr, die ihr euch vor Wissen fürchtet -, dann bin ich der Mann, der es euch jetzt sagen wird.“ 

Der Chefingenieur war der Einzige, der sich noch bewegen konnte; er rannte zu einem Fernsehgerät und hantierte verzweifelt mit dessen Reglern. Aber der Bildschirm blieb leer; der Sprecher hatte sich entschieden, nicht erkannt zu werden. Nur seine Stimme erfüllte die Luft des Landes – der Welt, dachte der Chefingenieur -, und sie klang, als würde er hier, in diesem Raum, nicht zu einer Gruppe, sondern zu einem einzigen Menschen sprechen; es war nicht der Tonfall einer Ansprache an eine Versammlung, sondern derjenige eines Appells an den Verstand.

„Ihr habt vernommen, dass dies ein Zeitalter der moralischen Krise ist. Ihr habt es selbst gesagt, halb in Angst, halb in der Hoffnung, dass die Worte keine Bedeutung hatten. Ihr habt geklagt, dass die Sünden der Menschen die Welt zerstören, und ihr habt die menschliche Natur für ihre Unwilligkeit verflucht, die von euch geforderten Tugenden zu praktizieren. Da Tugend für euch aus Opfern besteht, habt ihr bei jeder weiteren Katastrophe mehr Opfer gefordert. Im Namen der Rückkehr zur Moral habt ihr all jene Übel geopfert, die ihr als die Ursache für eure Misere angesehen habt. Ihr habt Gerechtigkeit für Barmherzigkeit geopfert. Ihr habt Unabhängigkeit für Einigkeit geopfert. Ihr habt Vernunft für Glauben geopfert. Ihr habt Reichtum für Not geopfert. Ihr habt Selbstachtung für Selbstverleugnung geopfert. Ihr habt Glück für Pflicht geopfert.

Ihr habt alles vernichtet, was ihr für böse haltet, und alles erreicht, was ihr für gut erachtet. Warum schreckt ihr dann vor dem Anblick der Welt um euch herum zurück? Diese Welt ist nicht das Ergebnis eurer Sünden, sie ist das Produkt und das Abbild eurer Tugenden. Sie ist euer moralisches Ideal, das in seiner vollen und endgültigen Vollkommenheit in die Realität umgesetzt wurde. Ihr habt dafür gekämpft, ihr habt davon geträumt und ihr habt es euch gewünscht, und ich – ich bin der Mann, der euch euren Wunsch erfüllt hat.

Euer Ideal hatte einen unerbittlichen Feind, der von eurem Moralkodex vernichtet werden sollte. Ich habe euch diesen Feind weggenommen. Ich habe ihn aus eurem Weg und aus eurer Reichweite geschafft. Ich habe die Quelle all der Übel beseitigt, die ihr eines nach dem anderen geopfert habt. Ich habe euren Kampf beendet. Ich habe euren Motor gestoppt. Ich habe eurer Welt den menschlichen Verstand genommen.

Menschen leben nicht durch den Verstand, sagt ihr? Ich habe diejenigen weggenommen, die es tun. Der Verstand ist machtlos, sagt ihr? Ich habe diejenigen weggenommen, deren Verstand es nicht ist. Es gibt höhere Werte als den Verstand, sagt ihr? Ich habe diejenigen weggenommen, für die es das nicht gibt.

Während ihr die Gerechten, die Unabhängigen, die Vernünftigen, die Reichen und die sich selbst Achtenden zu euren Opferaltären schlepptet, kam ich euch zuvor und erreichte sie zuerst. Ich erklärte ihnen die Natur des Spiels, das ihr mit ihnen spielt, und das Wesen eures Moralkodex‘, den zu begreifen, sie in ihrer Unschuld viel zu großzügig waren. Ich zeigte ihnen den Weg, nach einer anderen Moral zu leben – meiner. Sie haben sich entschieden, der meinigen zu folgen.

All die Menschen, die verschwunden sind, die Menschen, die ihr gehasst und doch befürchtet habt, zu verlieren – ich bin es, der sie euch weggenommen hat. Versucht nicht, uns zu finden. Denn wir wollen nicht gefunden werden. Behauptet nicht, dass es unsere Pflicht sei, euch zu dienen. Wir erkennen diese Pflicht nicht an. Behauptet nicht, dass ihr uns braucht. Wir betrachten ein Bedürfnis nicht als Anspruch. Behauptet nicht, dass wir euch gehören. Das tun wir nicht. Fleht uns nicht an, zurückzukehren. Wir befinden uns im Streik, wir, die Menschen des Verstandes. 

Wir streiken gegen Selbstaufopferung. Wir streiken gegen das Credo unverdienter Belohnungen und unbelohnter Pflichten. Wir streiken gegen das Dogma, dass das Streben nach dem eigenen Glück böse sei. Wir streiken gegen die Doktrin, dass das Leben aus Schuld bestehe.

Es gibt einen Unterschied zwischen unserem Streik und all denen, die ihr seit Jahrhunderten praktiziert habt: Unser Streik besteht nicht darin, Forderungen zu stellen, sondern sie zu gewähren. Eurer Moral zufolge sind wir böse. Wir haben uns entschieden, euch nicht länger zu schaden. Eurer Wirtschaftstheorie zufolge sind wir nutzlos. Wir haben beschlossen, euch nicht länger auszubeuten. Eurer Politik zufolge sind wir gefährlich und gehören in Ketten gelegt. Wir haben uns entschieden, euch nicht länger zu gefährden – aber auch die Fesseln nicht länger zu tragen. Eurer Philosophie zufolge sind wir nur eine Illusion. Wir haben uns entschieden, euch nicht länger zu blenden und euch die Freiheit zu lassen, der Realität ins Auge zu sehen – der Realität, die ihr wolltet; die Welt, wie ihr sie jetzt seht: eine Welt ohne Verstand.

Wir haben euch alles gewährt, was ihr von uns verlangt habt – wir, die wir schon immer die Gebenden waren, es aber erst jetzt verstanden haben. Wir haben keine Forderungen zu stellen, keine Bedingungen auszuhandeln, keinen Kompromiss anzubieten. Ihr habt nichts, was wir wollen. Wir brauchen euch nicht.

Schreit ihr jetzt: Nein, das war nicht das, was ihr wolltet? Eine geistlose Welt der Ruinen war nicht euer Ziel? Ihr wolltet nicht, dass wir euch verlassen? Ihr moralischen Kannibalen, ich weiß, dass ihr immer gewusst habt, was ihr wolltet. Aber euer Spiel ist aus, denn jetzt wissen wir es auch.

Durch Jahrhunderte der Plagen und Katastrophen, die durch euren Moralkodex herbeigeführt wurden, habt ihr geklagt, dass euer Kodex gebrochen wurde, dass die Plagen die Strafe dafür waren, ihn zu brechen, dass die Menschen zu schwach und zu egoistisch waren, um all das Blut zu vergießen, das er verlangte. Ihr habt den Menschen verdammt, ihr habt die Existenz verdammt, ihr habt diese Erde verdammt, aber ihr habt es nie gewagt, euren Kodex zu hinterfragen. Eure Opfer nahmen die Schuld auf sich und kämpften weiter, mit euren Flüchen als Belohnung für ihr Martyrium – während ihr weiterhin meintet, dass euer Kodex edel sei, aber die menschliche Natur nicht gut genug, ihn zu praktizieren. Und niemand erhob sich, um die Frage zu stellen: Gut? – Nach welchem Maßstab?

Ihr wolltet John Galts Identität wissen. Ich bin der Mann, der diese Frage gestellt hat. 

Ja, dies ist ein Zeitalter der moralischen Krise. Ja, ihr tragt die Verantwortung für eure Missetaten. Aber es ist nicht der Mensch, der jetzt vor Gericht steht und es ist nicht die menschliche Natur, die die Schuld auf sich nehmen wird. Es ist euer moralischer Kodex, der dieses Mal am Ende ist. Euer Moralkodex hat seinen Höhepunkt erreicht: die Sackgasse am Ende seines Weges. Und wenn ihr weiterleben wollt, ist das, was ihr jetzt braucht, nicht die Rückkehr zur Moral – ihr, die ihr nie eine gekannt habt –, sondern die Entdeckung derselben.

Ihr habt keine anderen Moralkonzepte gehört als das mystische oder das soziale. Man hat euch beigebracht, dass Moral ein Verhaltenskodex ist, der euch aus einer Laune heraus auferlegt wird: der Laune einer übernatürlichen Macht oder der Laune der Gesellschaft; um Gottes Absicht oder dem Wohle des Nächsten zu dienen; um einer Autorität jenseits des Grabes oder hinter der Tür nebenan zu gefallen – aber nicht, um eurem eigenen Leben oder Vergnügen zu dienen. Euer Wohlergehen, so wurde euch beigebracht, ist in der Unmoral zu finden, euren eigenen Interessen wäre am besten durch Böses gedient, und jeder moralische Kodex dürfte nicht für euch, sondern müsste gegen euch entworfen werden, nicht um euer Leben zu fördern, sondern um es zu schmälern. 

Jahrhundertelang wurde der Kampf der Moral zwischen denjenigen ausgefochten, die behaupteten, euer Leben gehöre Gott, und denen, die behaupteten, es gehöre euren Nachbarn – zwischen denen, die predigten, das Gute sei Selbstaufopferung um der Geister im Himmel willen, und denen, die predigten, das Gute sei Selbstaufopferung um der Unfähigen auf Erden willen. Und niemand kam, um zu sagen, dass euer Leben euch gehört und dass das Gute darin besteht, es zu leben.

Beide Seiten waren sich einig, dass Moral die Aufgabe des Eigeninteresses und des Verstandes verlangt, dass das Moralische und das Praktische Gegensätze sind, dass Moral nicht das Gebiet der Vernunft, sondern das Gebiet des Glaubens und der Gewalt ist. Beide Seiten kamen überein, dass keine rationale Moral möglich ist, dass es in der Vernunft kein Richtig oder Falsch gibt – dass es in der Vernunft keinen Grund gibt, moralisch zu sein.

Was auch immer sie sonst noch bekämpft haben, es war der menschliche Verstand, gegen den sich alle eure Moralisten vereinigt haben. Es war der menschliche Verstand, den alle ihre Pläne und Systeme verderben und zerstören sollten. Jetzt müsst ihr euch entscheiden: unterzugehen oder zu lernen, dass gegen den Verstand zu sein, bedeutet, gegen das Leben an sich zu sein. 

Der menschliche Verstand ist sein grundlegendes Überlebenswerkzeug. Das Leben ist ihm gegeben, das Überleben nicht. Sein Körper ist ihm gegeben, sein Unterhalt ist es nicht. Sein Verstand ist ihm gegeben, sein Inhalt ist es nicht. Um am Leben zu bleiben, muss er handeln, und bevor er handeln kann, muss er die Natur und den Zweck seiner Handlung kennen. Er kann nicht an Nahrung gelangen, wenn er nicht weiß, was Nahrung ist und wie man sie erhält. Er kann keinen Graben ausheben – oder ein Zyklotron bauen – ohne Wissen über sein Ziel und über die Mittel, um es zu erreichen. Um am Leben zu bleiben, muss er denken.

Aber zu denken ist ein freiwilliger Akt. Der Schlüssel zu dem, was ihr so leichtsinnig „menschliche Natur“ nennt, das offene Geheimnis, mit dem ihr lebt, das ihr aber nicht zu benennen wagt, ist die Tatsache, dass der Mensch ein Wesen mit willentlichem Bewusstsein ist. Die Vernunft arbeitet nicht automatisch; das Denken ist kein mechanischer Prozess; die Verbindungen der Logik werden nicht durch Instinkt hergestellt. Die Funktion eures Magens, eurer Lunge oder eures Herzens ist automatisch; die Funktion eures Geistes ist es nicht. In jeder Minute und in jedem Bereich eures Lebens seid ihr frei, zu denken oder aber diese Anstrengung zu verweigern. Aber ihr seid nicht frei, eurer Natur zu entkommen, der Tatsache, dass die Vernunft euer Mittel zum Überleben ist – so dass für euch, die ihr menschliche Wesen seid, die Frage „zu sein oder nicht zu sein“ zur Frage „zu denken oder nicht zu denken“ wird.

Ein Wesen mit willentlichem Bewusstsein hat keinen Automatismus im Verhalten. Es braucht einen Wertekodex, der sein Handeln leitet. Ein „Wert“ ist das, was man zu gewinnen und zu behalten sucht, eine „Tugend“ ist die Handlung, durch die man ihn gewinnt und behält. Ein „Wert“ setzt eine Antwort auf die Frage voraus: von Wert für wen und wofür? Ein „Wert“ setzt einen Maßstab, einen Zweck und die Notwendigkeit des Handelns angesichts einer Alternative voraus. Wo es keine Alternativen gibt, sind keine Werte möglich.

Es gibt nur eine fundamentale Alternative im Universum: Existenz oder Nichtexistenz – und sie bezieht sich auf eine einzige Klasse von Wesen: auf lebende Organismen. Die Existenz unbelebter Materie ist bedingungslos, die Existenz von Leben ist es nicht; sie hängt von ganz bestimmten Verhaltensweisen ab. Materie ist unzerstörbar, sie ändert ihre Formen, aber sie kann nicht aufhören zu existieren. Nur ein lebender Organismus steht vor einer ständigen Alternative: der Frage von Leben oder Tod. Das Leben ist ein Prozess selbsterhaltender und selbsterzeugter Handlung. Wenn ein Organismus darin versagt, dann stirbt er; seine chemischen Elemente verbleiben, aber das Leben erlischt. Es ist nur das Konzept des „Lebens“, das das Konzept eines „Wertes“ möglich macht. Nur für ein lebendes Wesen können die Dinge gut oder böse sein.

Eine Pflanze muss sich ernähren, um zu leben; das Sonnenlicht, das Wasser, die Chemikalien, die sie braucht, sind die Werte, die ihre Natur ihr vorgibt; ihr Leben ist der Wertmaßstab, der ihre Handlungen leitet. Aber eine Pflanze hat keine Wahl, wie sie handelt; es gibt Alternativen in den Bedingungen, denen sie begegnet, aber es gibt keine Alternative in ihrer Funktion: sie handelt automatisch, um ihr Leben zu fördern, sie kann sich nicht selbstzerstörerisch verhalten.

Ein Tier ist entsprechend ausgestattet, um sein Leben zu erhalten; seine Sinne versorgen es mit einem automatischen Handlungskodex, einem automatischen Wissen darüber, was gut oder schlecht ist. Es hat keine Macht, sein Wissen zu erweitern oder sich ihm zu entziehen. Unter Bedingungen, in denen sich sein Wissen als unzureichend erweist, stirbt es. Aber solange es lebt, handelt es nach seinem Wissen, mit automatischer Sicherheit und ohne Möglichkeit zur Wahl. Es ist unfähig, das eigene Gute zu ignorieren, unfähig, sich zu entscheiden, das Schlechte zu wählen und als sein eigener Zerstörer zu handeln.

Der Mensch aber hat keinen automatischen Überlebenskodex. Er unterscheidet sich von allen anderen Lebewesen vor allem dadurch, dass er angesichts von Alternativen durch eine willentliche Entscheidung handeln muss. Er hat kein automatisches Wissen darüber, was für ihn gut oder schlecht ist, von welchen Werten sein Leben abhängt, welche Handlungsweise es erfordert. Faselt ihr von einem Selbsterhaltungstrieb? Ein Selbsterhaltungstrieb ist genau das, was der Mensch nicht besitzt. Ein „Instinkt“ ist eine untrügliche und automatische Form des Wissens. Ein Verlangen aber ist kein Instinkt. Der Wunsch zu leben, gibt einem nicht das Wissen, das man zum Leben braucht. Und selbst der Wunsch des Menschen zu leben ist nicht automatisch: Das verborgene Übel heute ist, dass ihr noch nicht einmal diesen Wunsch habt. Eure Angst vor dem Tod ist keine Liebe zum Leben und sie gibt euch nicht das Wissen, das ihr braucht, um es zu erhalten. Der Mensch muss sein Wissen erlangen und seine Handlungen durch einen Prozess des Denkens wählen, zu dem ihn die Natur nicht zwingen wird. Der Mensch hat die Macht, als sein eigener Zerstörer zu handeln – und das ist die Art und Weise, wie er durch den größten Teil seiner Geschichte hindurch gehandelt hat.

Ein Lebewesen, das seine Überlebensinstrumente als böse ansieht, würde nicht überleben. Eine Pflanze, die sich bemühte, ihre Wurzeln zu verstümmeln; ein Vogel, der dafür kämpfte, seine Flügel zu brechen, würde nicht lange existieren. Aber die Geschichte des Menschen ist ein Kampf, seinen Geist zu verleugnen und zu zerstören.

Der Mensch wurde rationales Wesen genannt, aber Rationalität ist eine Frage der Wahl – und die Alternative, die seine Natur ihm bietet, ist: rationales Wesen oder selbstmörderisches Tier. Der Mensch muss sich entscheiden, Mensch zu sein; er muss sein Leben freiwillig als Wert betrachten; er muss freiwillig lernen, es zu erhalten; er muss die Werte, die es erfordert, freiwillig entdecken, und seine Tugenden freiwillig praktizieren.

Ein freiwillig akzeptierter Wertekanon ist ein Moralkodex."

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